Frau Weber ist Expertin für geflüchtete und migrierte Kinder bei UNICEF Deutschland.
Als Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen setzt sich UNICEF weltweit für die Rechte von Kindern ein, die seit 1989 in der UN-Kinderrechtskonvention verschriftlicht sind und auch in Deutschland dieses Jahr ihr 30-jähriges Bestehen feiern.
Seit dem Inkrafttreten der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland vor 30 Jahren wurden hierzulande entscheidende Fortschritte für Kinder erreicht, doch für zu viele Kinder bleiben zahlreiche Kinderrechte weiter außer Reichweite. Die Aufgabe von UNICEF Deutschland ist es, dafür Sorge zu tragen, dass die Kinderrechte gewahrt werden. Dafür machen wir uns vor allem in unserer politischen Arbeit stark.
Geflüchtete Kinder gehören oft zu den besonders benachteiligten Kindern in unserer Gesellschaft. Häufig fallen die Rechte und Bedarfe dieser Kinder in den politischen Diskussionen und Entscheidungsprozessen hinten runter. Daher kommt es darauf an, ihre Situation gemeinsam mit Entscheidungsträger*innen, Politiker*innen, der Zivilgesellschaft und Ehrenamtlichen zu verbessern. Sowohl auf der Bundes- als auch der Landesebene, denn die Zuständigkeiten liegen oft bei den Ländern.
Um ein Beispiel zu geben: Auch wenn sich in den letzten Jahren vieles verbessert hat, sind Kinder in Unterkünften für geflüchtete Menschen immer noch nicht sicher und umfassend vor Gewalt geschützt. Manche Familien müssen auf engstem Raum in einem Zimmer leben, Räume sind nicht abschließbar, es gibt keine Rückzugs- oder Spielmöglichkeiten für die Kinder.
Gemeinsam mit dem Bundesfamilienministerium und vielen Partnern arbeitet UNICEF seit 2016 im Rahmen der Bundesinitiative zum Schutz geflüchteter Menschen in Flüchtlingsunterkünften intensiv an der Verbesserung der Unterbringungssituation der in Deutschland schutzsuchenden Kinder und ihren Familien. In diesem Rahmen wurden u.a. die Mindeststandards zum Schutz geflüchteter Menschen in Flüchtlingsunterkünften entwickelt. UNICEF hat zudem Trainings und eine Toolbox zu den Mindeststandards erstellt, Trainer*innen ausgebildet und bietet diese Trainings bundesweit kostenlos für Unterkünfte an. Ein wichtiger Bestandteil dabei ist zum Beispiel die Einrichtung von kinder-freundlichen Orten und Angeboten in den Unterkünften. Das politische Ziel sollte allerdings sein, dass geflüchtete und migrierte Kinder und ihre Familien in eigenen Wohnungen leben können.
Seit Beginn des Kriegs im Februar sind fast eintausend Kinder in der Ukraine getötet oder verletzt worden. Dies bedeutet durchschnittlich etwa fünf getötete oder verletzte Kinder pro Tag. Durch die Angriffe werden zudem Einrichtungen und Infrastrukturen zerstört, die für Kinder besonders wichtig sind, wie Wasserleitungen, Stromnetze, sanitäre Anlagen, Krankenhäuser und Schulen. Zu Beginn des Schuljahres in der Ukraine am 1. September wurden weniger als 60 Prozent der Schulen von der Regierung als sicher genug eingestuft, um wieder zu öffnen. UNICEF unterstützt die Regierung, damit die Kinder in der Ukraine dennoch lernen können. Rund 760.000 Kinder haben seit Kriegsbeginn an formalen oder informellen Bildungsangeboten teilgenommen. Mehr als 1,7 Millionen Kinder und Betreuende haben psychosoziale Hilfe erhalten. Was die Kinder allerdings brauchen, ist ein Ende des Krieges und einen dauerhaften Frieden, damit sie ihre Kindheit zurückgewinnen, zur Normalität zurückkehren und sich erholen können.
Bis heute sind in Deutschland mehr als 967.000 Menschen aus der Ukraine angekommen, ungefähr die Hälfte davon sind Kinder. Viele von ihnen haben in der Ukraine oder auf der Flucht Schreckliches erlebt. Oft mussten sie Familien-angehörige zurücklassen und sind besorgt um ihre Lieben. Einige werden auch mit dem Tod eines Familienmitglieds oder Freundes oder mit anderen schrecklichen Nachrichten aus der Ukraine fertigwerden müssen. Daher brauchen die Kinder Stabilität, Ruhe, Tagesstruktur und Aktivitäten, die dabei helfen das Er-lebte zu verarbeiten. Für manche wird dies aber nicht reichen, sie brauchen psychosoziale oder psychologische Unterstützung.
Hier in Deutschland müssen sie sich zudem zunächst einmal zurechtfinden – mit einer neuen Umgebung und einer fremden Sprache. Auch wenn viele Familien sich privat eine Unterkunft organisiert haben, gilt dies für über die Hälfte der Ankommenden nicht, sie sind häufig in Unterkünften für geflüchtete Menschen untergebracht. Viele der Unterkünfte sind derzeit komplett ausgelastet - es fehlt an Personal, finanziellen Mitteln und Räumlichkeiten. Für Maßnahmen zum Gewaltschutz bleibt kaum Zeit – sie werden hintenangestellt und sind nicht flächendeckend oder ausreichend gewährleistet.
All das belastet die Kinder sehr. Darum kommt es jetzt darauf an, die Kinder bestmöglich zu unterstützen. Dazu gehört der Zugang zu Regelstrukturen wie Bildungseinrichtungen oder Vereinen, Freizeit- und Spielmöglichkeiten, damit sich das Wohlbefinden der Kinder hier in Deutschland verbessern kann und sie eine Alltagsstruktur erfahren. Daher begrüßt UNICEF ausdrücklich das bürgerliche, zivilgesellschaftliche und politische Engagement, um den geflüchteten Kindern und Familien aus der Ukraine diese Zeit zu erleichtern und sie zu unterstützen. Doch dürfen wir uns darauf jetzt nicht ausruhen. Viele der Kinder brauchen Wohnraum oder Kita- und Schulplätze und vor allem auch eine langfristige Perspektive, auch wenn viele darauf warten bald wieder zurückkehren zu können.
In Deutschland herrscht generell ein großer Mangel an Kitaplätzen, davon sind geflüchtete und migrierte Kinder besonders betroffen. Dabei ist ein schneller Zugang sowohl für die Kinder als auch die Eltern beim Ankommen in Deutschland von großer Bedeutung. Es fehlt zudem an Fachkräften wie Sozialpädagog*innen, Lehrkräften an Schulen, Psycholog*innen und Dolmetscher*innen. Das wirkt sich insbesondere auf die Situation besonders benachteiligter Familien und Kinder aus, wozu auch geflüchtete und migrierte Kinder gehören. Hie-rauf muss dringend und unbürokratisch reagiert werden, um beispielsweise auch zugewanderten Fachkräften den Einstieg in die Berufswelt hier zu erleichtern.
Dies ist zudem ein wichtiger Aspekt mit Blick auf die verschiedenen kulturellen und sprachlichen Hintergründe der Kinder. Diese sollten endlich anerkannt und als Chance, nicht als Hindernis verstanden werden. Daher braucht es Mitarbeitende in Kitas und anderen Betreuungseinrichtungen und auch Ehrenamtliche, die dahingehend sensibilisiert und geschult sind, um so die Talente und Potenziale geflüchteter Kinder zu fördern und ihre Weiterentwicklung zu ermöglichen. Dies ist nicht allein für die Kinder, sondern auch für die Eltern und deren Einbezug essentiell. Denn sie sind ausschlaggebend bei der Förderung der Kin-der. Daher ist es wichtig, den Bereich der Elternarbeit weiter auszubauen und Hürden für die Zusammenarbeit zu überwinden.
Auch Fluchterfahrungen müssen in der pädagogischen Arbeit berücksichtigt werden. Wie schon erwähnt, haben viele der Kinder traumatische Erfahrungen gemacht. Damit müssen die Erzieher*innen und Pädagog*innen in den Kitas umzugehen wissen. Daher sollten sie durch Schulungen und Fortbildungsmöglichkeiten in die Lage versetzt werden, psychische Belastungen oder Traumata erkennen zu können, um entsprechend darauf reagieren und die Kinder weiterverweisen zu können. Auch professionelle psychologische Hilfe sollte ausgebaut werden oder zumindest den Einrichtungen zur Verfügung stehen.
Die Berücksichtigung dieser Aspekte können wesentlich dazu beitragen, dass geflüchtete und migrierte Kinder ihre Erfahrungen verarbeiten können und die Grundlage schaffen für eine gute Entwicklung.
Das Gespräch wurde im September 2022 geführt