Unsere 3 Fragen an Dr. Irina Volf...

Dr. Irina Volf hat als Bereichsleitung der Themenbereiche Armut und Radikalisierungsprävention am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. in Frankfurt am Main die seit 1997 laufende AWO-ISS-Langzeitstudie zu Kinderarmut ab der fünften Studienphase federführend umgesetzt. Seit dem 01.03.2025 bekleidet Sie die Funktion der Direktorin des ISS.

  • Frau Dr. Volf, was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Erkenntnisse der Studie aus der Langzeitperspektive und welche Auswirkungen bzw. (Langzeit-) Folgen hat ein Aufwachsen in Armutslagen auf die Entwicklung von Kindern? 

Die AWO-ISS Langzeitstudie zur Kinderarmut ist tatsächlich einzigartig und bisher einmalig im deutschsprachigen Raum. Seit 1997 wurden die Armutsverläufe und Lebenslagen von rund 900 Kindern aus 60 bundesweit verteilten Kindertageseinrichtungen in Trägerschaft der Arbeiterwohlfahrt e. V. untersucht. Im Rahmen der Studie wurde von den Forschenden am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V. (weiterhin ISS e. V) erstmals ein kindbezogenes Armuts- und Lebenslagenkonzept in Deutschland erprobt und bis ins junge Erwachsenenalter fortentwickelt. Die Lebensverläufe der Kinder wurden in insgesamt sechs Studienphasen und dabei an den wichtigsten Übergängen – von Kita in die Grundschule, in die weiterführende Schule, in die berufliche Qualifizierungsphase und ins junge Erwachsenenalter – nachverfolgt. Die Studie stellt ein Fundus an Ideen zur Verbesserung der Praxis Sozialer Arbeit mit von Armut betroffenen Kindern, Jugendlichen und Familien dar. Vielleicht kann ich an dieser Stelle nur drei zentrale Befunde aufgreifen, und zwar:
1. Armut stellt ein erhebliches Risiko für eine altersgemäße Entwicklung der Kinder dar. Kinderarmut führt allerdings nicht automatisch zur Armut im jungen Erwachsenenalter. Zwei Drittel der ehemals armen sechsjährigen Kindern ist ein Ausstieg aus familiärer Armut bis zum 25. Lebensjahr gelungen und vielen von ihnen tatsächlich erst beim Übergang ins junge Erwachsenenalter. Hilfreich waren dafür eine berufliche Qualifizierung und ein Auszug aus dem Elternhaus. Insbesondere für junge Menschen mit dauerhafter Armutserfahrung war es wichtig, dass sie ihr eigenes Leben aufbauen konnten.

2. Dennoch hinterlässt auch punktuelle Armut sichtbare Spuren bis zum jungen Erwachsenenalter. Von vier Lebenslagendimensionen, die wir untersucht haben – das sind die materiellen, sozialen, kulturellen und gesundheitlichen Lagen – ließen sich gravierende Einschränkungen aufgrund von Armutserfahrungen in den kulturellen und gesundheitlichen Dimensionen feststellen. Das heißt ganz konkret, dass die in Armut aufgewachsenen Kinder im Durchschnitt schlechtere Bildungsabschlüsse erreicht haben. Ihnen standen zum Beispiel über den ganzen Lebensverlauf keine non-formale Bildungsangebote wie, z. B. Auslandsaufenthalte oder Sprachreisen zur Verfügung.  Sie besuchten seltener kulturelle Aktivitäten und Veranstaltungen und konsumierten mehr Medien als junge Menschen ohne Armutserfahrungen. In der gesundheitlichen Dimension haben wir festgestellt, dass bei ihnen über die Jahre gesundheitliche Probleme kumulierten. Sie leiden im Durchschnitt häufiger an psychosomatischen Symptomen, wie Kopf- und Bauchschmerzen, sind häufiger krank und berichten häufig von psychischen Belastungen, wie zum Beispiel Ereignisse in der Kindheit oder Jugendzeit, die sie immer noch nicht verarbeiten haben. Viele von ihnen hatten bereits mal Bedarf an einer professionellen Beratung aufgrund von Konsum bestimmter Substanzen, wie z. B. Alkohol oder Drogen.
3. Dauerhafte Armut erhöht das Risiko multipler Deprivation im jungen Erwachsenenalter erheblich. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder, die ihr ganzes Leben in Armut aufwachsen, in einem jungen Erwachsenenalter weiterhin mit vielen Einschränkungen und Benachteiligungen leben, ist relativ groß. Deswegen brauchen insbesondere arme junge Menschen bei den Übergängen intensive Unterstützung seitens der Sozialen Dienste.
 

  • Was bedeuten Ihre Erkenntnisse für die pädagogische Praxis in der frühkindlichen Bildung und wie können Kindertageseinrichtungen armutsbetroffene Kinder ressourcenorientiert stärken? 

Die Erkenntnisse aus der AWO-ISS Langzeitstudie wurden in die Praxis sozialer Dienstleistungen in Form von mehreren Modellprojekten transferiert. So entwickelte zum Beispiel im Jahr 2019 die RAG-Stiftung im Schulterschluss mit der Stadt Gelsenkirchen ein neues Modellprojekt „ZUSi – Zukunft früh sichern!“ für Vier- bis Sechsjährige in sieben städtischen Kindertageseinrichtungen in Gelsenkirchen-Ückendorf. Das Projekt zielte darauf ab, jedes Kind mit seinen Stärken, Förderbedarfen und seiner Lebenslage in einen individuellen Blick zu nehmen und talentorientiert zu fördern. Des Weiteren wurden die Strukturen der Kindertageseinrichtungen, inklusive der Angebote für Kinder, Familien, Fachkräfte und in Zusammenarbeit mit Eltern und im Sozialraum, in den Blick genommen und auf die Armutssensibilität als Qualitätsmerkmal hin überprüft. Ich dürfe das Modellprojekt zusammen mit meinem Team wissenschaftlich begleiten und evaluieren. 
Die Evaluation bauten wir schwerpunktmäßig auf dem kindbezogenen Armutskonzept und dem Lebenslagenansatz der AWO-ISS Langzeitstudie auf. Diese erweiterten wir im ZUSi-Projekt um die Untersuchung der Entwicklungsniveaus der Kinder in fünf Bereichen – sprachliche, kognitive und soziale Kompetenzen sowie Fein- und Grobmotorik. Dass Armut ein gravierendes Risiko für eine altersgemäße Entwicklung der Kinder im Vorschulalter darstellt, wurde erneut bestätigt und zum ersten Mal quantifiziert: Bereits im Alter von vier Jahren lag die Entwicklungskluft zwischen Kindern aus armen und nicht armen Familien bei 20 Prozent und ließ sich bis zum Übergang in die Grundschule trotz großen Fortschritten der armen Kinder nicht schließen. (Vgl. ISS 2021) 
Die Erkenntnisse zur Ausganslage der Kinder zu Beginn des Projekts stellten das Projektteam vor neuen Fragestellungen. Was bedeutet diese Entwicklungskluft zwischen armen und nicht armen Kinder für die pädagogische Praxis im Bereich der frühen Bildung? Welchen Beitrag können pädagogische Fachkräfte leisten, um diesem Trend entgegenzuwirken? Wie sollen Strukturen der frühen Bildung verändert werden, um die Chancengerechtigkeit für alle Kinder zu verbessern? Eine Antwort auf diese Frage liegt teilweise in der Entwicklung von mehr Armutssensibilität und zwar sowohl auf personeller als auch struktureller Ebene. Armutssensibiltät ist einerseits eine eigenständige Kompetenz pädagogischer Fachkräfte und bedeutet in der Lage zu sein, empathisch und respektvoll mit Armutsbetroffenen, ihren Ressourcen und Grenzen umzugehen sowie Entscheidungen armutsbewusst zu treffen. Armutssensibilität auf struktureller Ebene kann als ein Qualitätsmerkmal und eine Querschnittaufgabe verstanden werden. So sollen institutionelle Verfahren und Herangehensweisen auf Armut als Indikator sozialer Ungleichheit überprüft, mögliche Barrieren abgebaut und dadurch die Zugänge für alle Personen unabhängig von finanziellen Ressourcen für eine gleichberechtigte Teilhabe ermöglicht werden.
Im Ergebnis haben wir eine Fortbildung „Armutssensibles Handeln in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen“ entwickelt und schulen (pädagogische) Fachkräfte, wie sie in der Praxis armutssensibel agieren können.

  • Wie können die Anwendung des Lebenslagenansatzes und eine armutssensible Angebotsgestaltung in Kindertageseinrichtungen konkret aussehen? Welche Praxistipps haben Sie hierzu?

Um diese spannende Frage möglichst praxisnah zu beantworten, habe ich im Februar 2024 eine Handreichung veröffentlicht. Diese heißt „Lebenslagenansatz in Kindertageseinrichtungen: Impulse zur praktischen Anwendung“. Die Handreichung umfasst 24 Seiten und beinhaltet zahlreiche Praxistipps und zwei Vorlagen, die Fachkräfte im Kitaalltag direkt anwenden können. In einer ersten Vorlage steht das Kind im Fokus der Untersuchung. Fachkräfte im Bereich der frühen Bildung können mithilfe dieser Vorlage individuelle Lebenslagen der Kinder aus unterschiedlichen Perspektiven (Erzieher*innen, Eltern/Bezugspersonen, Kinder selbst) für jedes Kind systematisch erfassen und in Fallbesprechungen regelmäßig aktualisieren. Dabei gilt es, möglichst umfassende Informationen über die Situation des Kindes in vier Lebenslagendimensionen zu sammeln und im Anschluss daran zu überlegen: Was können wir in der Kita machen, um die Situation des Kindes in materieller, kultureller, sozialer und gesundheitlicher Hinsicht zu verbessern? Ganz wichtig ist dabei, sich bewusst zu machen, über welche Ressourcen, Stärken und Schutzfaktoren das Kind bzw. seine Familie verfügt und wie diese aktiviert bzw. genutzt werden können. Zudem sollen die Stärken, Interessen und Begabungen des Kindes gezielt reflektiert werden. Das Ziel ist es, in jedem Kind ein Talent zu erkennen. Dabei soll es den Fachkräften bewusst sein, dass ein Talent nur dann entdeckt werden kann, wenn das Kind überhaupt eine Möglichkeit hat, viele verschiedene Aktivitäten auszuprobieren und Spaß daran zu entwickeln. Schließlich werden Fachkräfte angeleitet, konkrete pädagogische Ziele zu formulieren und diese zu priorisieren. 

Um dem Ziel, gleichberechtige Teilhabe allen Kindern unabhängig von finanzieller Situation der Familien zu ermöglichen, gerecht zu werden, soll Armutssensibilität auch auf der strukturellen Ebene der Kindertageseinrichtungen als eine kontinuierliche Aufgabe verstanden werden. Es beginnt mit dem Selbstverständnis des Trägers und dem pädagogischen Konzept: Welche Rolle spielt finanzielle Armut auf der konzeptionellen Ebene der Kindertageseinrichtung? Werden die Zugänge zu Angeboten – wie zum Beispiel über finanzielle Kriterien bei der Vergabe der Kitaplätze, kostenpflichtigen Kursen, Ausflügen – erschwert? Wie regelmäßig werden Themen, die etwas mit Armut direkt oder indirekt zu tun haben, in Teamsitzungen besprochen? Wie wird (neues) Personal über die Erscheinungsformen von Armut und möglichen Handlungsansätzen in der Kita sensibilisiert und ggf. auch geschult? Welche Angebote werden für die Kinder und ihre Familien in der Kita und in Kooperation mit verschiedenen Akteuren im Sozialraum vorgehalten?

Um eine Bestandsaufnahme der Angebote in der Kita in Anlehnung ans Lebenslagenmodell umzusetzen, kann eine zweite Vorlage in der Handreichung genutzt werden. So können die Fachkräfte ihre Angebote zuerst in vier Lebenslagen differenziert nach Aktivitäten, Projekten und Kooperationen sortieren. Lassen sich Lücken feststellen, so soll die Bestandsaufnahme bei der Planung weiterer Angebote herangezogen und regelmäßig aktualisiert werden. Armutssensibles Handeln in der Kita ist kein befristetes Projekt, sondern eine Querschnittaufgabe, die eines geschulten armutssensiblen Personals bedarf.

 

Das Gespräch wurde im September 2023 geführt

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