Judith Durand ist Diplom Pädagogin und arbeitet am Deutschen Jugendinstitut (DJI). Die Schwerpunkte Ihrer Arbeit liegen im Bereich der Elementardidaktik, Professionalisierung und Kompetenzentwicklung von Fachkräften aber auch in der Zusammenarbeit mit Familien.
Kinder bilden sich von Geburt an durch alltägliche Erfahrungen als Persönlichkeiten aus. Sie bringen in der Regel alle Voraussetzungen dazu mit ihre Gefühle und Bedürfnisse zu äußern und sind gleichzeitig hoch anpassungsfähig an die Menschen die sie umgeben. In der Entwicklung von Kindern sind neben der Familie insbesondere die ersten öffentlichen Institutionen wie Kita oder Grundschule von großer Bedeutung. Hier kommen Kinder mit anderen Menschen in Kontakt, entwickeln mit Gleichaltrigen Sozialkompetenzen. Sie lernen die ‚Spielregeln‘ des sozialen Miteinanders und entwickeln ein Bild von sich selbst als Teil des sozialen Gefüges. Diese Entwicklung vollzieht sich relativ systematisch von früher Kindheit an und ist allgemeingültig über verschiedene Kulturen hinweg zu beobachten. Sie wird allerdings in der Ausprägung durch kulturelle Wertvorstellungen beeinflusst. Entscheidend ist also welche Normen und Werte das Zusammenleben prägen, in dem Kinder aufwachsen, welche Erfahrungen sie im täglichen Miteinander machen. Um dabei Kompetenzen und normative Grundüberzeugungen zu entwickeln, die auf demokratischen Werten aufsetzten, ist es wichtig, dass diese Institutionen auch von demokratischen Werten getragen sind. Denn Demokratie kann nicht primär gelehrt werden, sondern muss erfahrbar sein- auch für junge Kinder. Sie müssen erleben das ihre Bedürfnisse und Ideen ernst genommen werden und sie von Anfang an ihren Alltag, die Umgebung und Gemeinschaft mitgestalten können.
Wir haben in unsere Studie "Bildung und Demokratie mit den Jüngsten" Gruppeninterviews mit insgesamt 36 Kindern aus 6 Kitas geführt. Dabei zeigt sich, dass Kinder sehr gut Regeln und auch die Grenzen ihrer Mitentscheidung kennen. Mit Regeln verbinden sie meistens sogenannte ‚Benimmregeln‘, wie nicht schubsen oder hauen. Ein Bezug zu demokratischen Werten wie sich gegenseitig anzuerkennen, den Umgang mit Konflikten oder den Kinderrechten stellen sie nur in Ausnahmen her. Die befragten Kinder berichten teils lebendig und differenziert, wenn sie systematisch Beteiligung in ihrer Kita erfahren. Andererseits äußern sie sich sehr enttäuscht darüber, wenn gemeinsame Entscheidung keine Konsequenzen haben oder sehr lange dauern, bis sie berücksichtigt werden.
Umfassendere Erkenntnisse zur Kinderperspektive geben Studien mit Kindern im Grundschulalter, wie beispielsweise die World Vision Studie. Sie zeigen alle konstant schon über viele Jahre, dass die befragten Kinder ihre Mitbestimmungsmöglichkeiten insgesamt niedrig einschätzen. Im Schnitt nehmen nur 25% bis 30% der befragten Kinder in Grundschulen oder Ganztagsgrundschulen ausreichend Partizipationsmöglichkeiten wahr. Zudem gibt es einen Unterschied zwischen der Wahrnehmung von Lehrkräften, Fachkräften oder Schulleitungen und Kindern. Erwachsene schätzen die Mitbestimmungsmöglichkeiten durchgängig deutlich höher ein als Kinder. Es gibt also noch viel zu tun.
Demokratiebildung ist immer eine Aufgabe der gesamten Kita und des Trägers. Das kann keine Fachkraft alleine leisten. Unsere Studie zeigt, dass die Qualität der Demokratiebildung in den Einrichtungen tendenziell höher ist, die sich über mehrere Jahre kontinuierlich darüber austauschen, Vereinbarungen reflektieren und regelmäßig an aktuelle Gegebenheiten anpassen. Denn Demokratiebildung kann nicht einfach verordnet oder gelehrt werden. Demokratiebildung zu praktizieren setzt voraus, dass die Akteure in Kitas selbst demokratische Werte vertreten und diese sich in der Struktur und Organisation der Institution(en) spiegeln. Die gesamte Kita als demokratische Organisation zu entwickeln erfordert deshalb Zeit zur Aushandlung im Team und mit dem Träger. Dies erfordert einen kontinuierlichen einrichtungsspezifischen Entwicklungsprozess, der die gesamte Organisationsstruktur, Organisationskultur sowie das pädagogische Grundverständnis umfasst. Aktuell stehen die Teams häufig z.B. durch Fachkräftemangel unter hohem Druck. Dadurch besteht die Gefahr, dass zu wenig Zeit für gemeinsame Reflexion und die bewusste Gestaltung von Mitbestimmungssituationen bleibt. Auch die aktuelle gesellschaftliche Situation, nationale und globale Herausforderungen und Krisen ziehen nicht spurlos an Fachkräften und der Arbeit in Kitas vorbei, sondern führen zu zusätzlichen Verunsicherungen. Gerade dann ist eine starke Anerkennung und Unterstützung durch die Stützsysteme wie den Trägern und der Fachpolitik gefragt.
Das Gespräch wurde im Mai 2025 geführt