Unsere 3 Fragen an Meike Riebau...

Frau Riebau ist Abteilungsleitung Advocacy & Policy bei Save the Children Deutschland und setzen sich in Ihrer Arbeit tagtäglich für Geflüchtete in Deutschland, Europa und weltweit ein.

  • Was unternimmt Save the Children, um sich konkret für geflüchtete Kinder in Deutschland einzusetzen?

Save the Children setzt sich in vielfacher Hinsicht für geflüchtete Kinder ein. Wir versuchen einerseits, Kinder, die in Deutschland ankommen, direkt zu unterstützen. Diese Kinder leben in der Regel zunächst in Unterkünften, in denen oft kaum Rückzugsräume bestehen, psychische Belastungen wenig Beachtung finden und Bildungsangebote zum Teil nur spärlich vorhanden sind. Dazu arbeiten wir mit Unterkünften und verschiedenen Bundesländern zusammen, um die Bedingungen in Unterkünften zu verbessern und haben zum Beispiel eine Checkliste erarbeitet, um zu messen, ob Kinderrechte ausreichend berücksichtigt werden (Kinderrechte-Check Tool | Save the Children Deutschland).
Daneben arbeiten wir auch auf politischer Ebene für geflüchtete und migrierte Kinder. So setzen wir uns dafür ein, dass geflüchtete Kinder, die allein nach Deutschland reisen, auch ihre Geschwister nachholen dürfen. Die gesetzliche Lage verbietet das aktuell und hat zu furchtbaren und jahrelangen Familientrennungen geführt, bei dem ein Kind in Deutschland war, die Eltern dann nachreisen durften und andere Geschwisterkinder zunächst alleine zurücklassen mussten in Ländern wie dem Irak oder Syrien. Dazu haben wir uns in einem Gutachten die rechtliche Situation aus kinderrechtlicher Perspektive angeschaut und dann Kontakt aufgenommen mit den entsprechenden Stellen in Bundestag und Ministerien. (StC_Gutachten_Geschwisternachzug_2019_Web-PDF.pdf (savethechildren.de)

  • Inwiefern unterscheidet sich die rechtliche und soziale Ausgangslage geflüchteter Kinder und Familien aus der Ukraine im Vergleich zur Situation von Geflüchteten aus anderen Ländern?

Die Situation unterscheidet sich sehr stark, und zwar in so gut wie allen Lebensbereichen. Ukrainische Geflüchtete unterlagen lange nicht der Registrierungspflicht und konnten sich auch private Unterkünfte suchen und damit auch aussuchen, wo in Deutschland sie sein wollten. Andere geflüchtete Menschen unterliegen strengen Auflagen: Sie müssen sich umgehend nach Ankunft melden und werden im Rahmen des Asylverfahrens an einen Ort in Deutschland verteilt, auf den sie so gut wie keinen Einfluss haben. Auch bei Fragen wie Bildung und Sozialleistungen sind die Unterschiede gravierend: Geflüchtete Kinder werden, so lange sie in Unterkünften untergebracht sind, oft auf eine Art "Ersatzunterricht" verwiesen, der nicht vergleichbar ist mit dem Bildungsangebot in Schulen. Wenn man bedenkt, dass diese Kinder oft schon eine teilweise jahrelange Flucht hinter sich haben, bei der Bildungsjahre verloren haben, ist das besonders gravierend. Ukrainische Kinder bekommen sehr viel schneller Zugang zu Kitas und Schulen (auch wenn sich die Situation etwas unterscheidet je nach Bundesland). Das ist toll - sollte es aber für alle geben! Diese Diskriminierung ist nicht nur rechtlich nicht nachvollziehbar, sondern auch den anderen geflüchteten Menschen hier verständlicherweise kaum vermittelbar. Wir denken: Es ist toll, dass hier viele der menschenunwürdigen Restriktionen aufgehoben und gelockert wurden. Das sollten wir uns genau anschauen und daraus lernen und dann für alle geflüchteten Personen möglich machen.

  • Wo liegen, aus Ihrer Sicht, die Aufgaben der Kindertagesbetreuung in diesem Zusammenhang und was könnten diese ggf. zu einer Verbesserung der Situation geflüchteter Kinder und Familien in Deutschland beitragen?

Für ankommende Kinder ist der Zugang zu frühkindlicher Bildung ganz zentral. Es geht natürlich einerseits darum, dass hier Sprachkenntnisse erworben wer-den, Kontakt zu Gleichaltrigen herzustellen und die Entwicklung zu unterstützen, wie bei anderen Kindern auch. Aber hier gibt es noch weitere Komponenten: Es ist ganz zentral, dass nach einer häufig traumatischen und unruhigen Zeit endlich wieder Ruhe und Struktur einkehren kann. Das hat auch Auswirkungen auf die Eltern: Je mehr Normalität erzeugt wird, desto mehr kann sich das Familiensystem entspannen. Wir dürfen nicht vergessen, dass viele dieser Menschen grauenhafte Erlebnisse und Verluste hinter sich haben und nun behutsam dabei begleitet werden müssen, einen Umgang damit zu finden. Der Beitrag, den Kitas und vor allem die dort arbeitenden Erzieher:innen hier leisten, ist riesig!

Das Gespräch wurde im Juni 2022 geführt

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