Monika Kmetović ist Diplom Pädagogin, Fachberatung Sprach-Kitas, BEP- und Schwerpunkt-Kita-Fachberatung und systemische Paar- und Familientherapeutin. Als zusätzliche Fachberatung Sprach-Kitas begleitet sie seit 2021 bei der MitInitiative e.V. 10 Kindertagesstätten in Wiesbaden.
Eine Schreinerin benutzt eine Säge, einen Hobel, einen Hammer, um ein Möbelstück zu formen. In der pädagogischen Arbeit sind wir Fachkräfte selbst das Werkzeug. Wir selbst gehen in Beziehung mit den Kindern und den Familien. Daher ist eine der wichtigsten Grundlagen für unsere Arbeit die Selbstreflexion und Biografiearbeit.
Den Unterschied zwischen meiner persönlichen und meiner fachlichen Haltung klar zu stellen. Erkennen zu können, wer wir sind, warum wir so geworden sind und wie dies unsere Sicht auf unsere Umwelt beeinflusst. In was für einer Familie bin ich z.B. selbst aufgewachsen? Welche Werte wurden mir vermittelt, was davon habe ich als Erwachsene in meine Kleinfamilie übernommen?
Wenn ich mit den Kitas in einem Workshop daran arbeite, erkennen wir relativ schnell, dass jede*r von uns stark von der eigenen Familie geprägt wurde und, dass sich unsere Familienkulturen alle voneinander unterscheiden, auch wenn wir vielleicht in derselben Stadt mit einem ähnlichen Hintergrund aufgewachsen sind.
Das zu erkennen, macht es leichter zu verstehen, dass jede Familie, die in unsere Kita kommt, ein Unikat ist. Nur weil die Großeltern zweier Familien aus Ankara kommen, kann ich sie nicht gleichsetzen. Genauso wenig, wie ich es mit den fünf Familien machen kann die gebürtig aus Wiesbaden sind. Wir erkennen in jeder Familie das Besondere und Einmalige. Mit diesem Blick fällt es leichter, danach zu schauen, was die einzelne Familie tatsächlich braucht, wie ich sie individuell in der Familienarbeit begleiten kann.
Das ist der wichtigste Schritt um Diversität als etwas grundlegend im Menschsein verankertes zu erkennen.
Der nächste Schritt ist, wie kann sich diese Diversität in der Kindertagesstätte widerspiegeln. Ist unser Personal divers? Arbeiten bei uns Menschen verschiedener Geschlechter, verschiedener sprachlicher, kultureller, ethnischer, religiöser Hintergründe ect.? Haben wir Mitarbeitende mit verschiedenen Erscheinungsbildern und Fähigkeiten?
Die Kitas meines Verbundes haben sich die Räume angeschaut, in denen die Familien und Kinder sich aufhalten. Sind sie einladend? Würde ich mich als Mutter vor dem Abholen auch gerne mal in die Kita setzen und mir einen Moment Zeit für mich nehmen, bevor ich mein Kind abhole. Wechselt ein*e Erzieher*in vielleicht ein paar freundliche Worte mit mir? Finde ich interessante Informationen in der Sprache, die ich am besten beherrsche? Fühle ich mich einfach willkommen, so wie ich bin?
Wie ist der Raum aufgebaut, in dem ich als Kind ein Großteil meines Tages verbringe? Kann ich die Spielsachen selbst erreichen mit denen ich gerne spielen möchte? Habe ich genügend Platz, um mich zu bewegen? Gibt es einen Ort, wo ich zur Ruhe kommen kann? Ist die Essenssituation ansprechend gestaltet?
Wir haben uns das Spielmaterial angeschaut. Finden sich alle Kinder darin wieder? Gibt es Puppen in den Hautfarben der Kinder? Wie viele Lebenswelten sind in den Büchern und Hörspielen dargestellt?
Es gibt mittlerweile gutes Spiel- und Bildungsmaterial, welches die Diversität der Familien widerspiegelt. Wir können aber auch viel selbst mit den Kindern gemeinsam herstellen. Gerade im Bereich der digitalen Bildungsarbeit gibt es einige Instrumente, die Vielfalt geradezu herausfordern. Mit Kameras können sich die Kinder selbst aufnehmen und wir stellen die Bilder aus. Machen vielleicht Fotos von allen linken Händen. Welch eine Vielfalt wird da zu sehen sein! Fast alle von uns haben Hände und doch sind sie verschieden.
Man kann Aufnahmebuzzer nutzen, die die Kinder und ihre Familien selbst besprechen. Diese hängt man vor dem Gruppenraum oder im Foyer für alle zugänglich auf und sie lassen uns die Vielfalt von z.B. „Guten-Morgen-Grüßen“ in verschiedenen Sprachen, Mundarten und Dialekten zeigen. Oftmals ein wunderbarer Anlass, bei dem die Menschen groß oder klein miteinander ins Gespräch kommen. Die verschiedenen Sprachen wirken hier nicht trennend, sondern sind auf einmal verbindend.
„Wie kann ich Diversität wertschätzen?“, fragte mich eine Kollegin. „In dem ich die einzelne Person sehe.“ Es ist eines der größten Geschenke, die wir einem Menschen geben können - wenn er spürt, dass wir ihn sehen, so wie er in seiner Einzigartigkeit ist und nicht anfangen, ihn zu vergleichen mit anderen und zu bewerten.
Pädagogische Arbeit ist immer Prozessarbeit. Wir begleiten die Kinder von der Krippe bis zum Hort. Die kleinen Übergänge, wie das Beenden eines Spieles und der Beginn einer Gruppenaktivität, sowie die größeren Übergänge, wie das Eingewöhnen in die Institution Kindertagesbetreuung, sind für die Kinder und deren Familien wichtige Wegmarken.
Inklusion geschieht jeden Morgen, wenn das Kind die Familie verlässt und in die Gruppe übergeht, es passiert, wenn ein Kind gerne mitspielen möchte, es passiert, wenn die Fachkraft auf seine nonverbalen Zeichen reagiert, wenn es sprechen lernt, wenn es traurig ist und ein anderes Kind kommt und es tröstet. Inkludiert zu werden ist ein urmenschliches Bedürfnis.
Teil der Gruppe zu sein, ist existenziell wichtig und stärkt. Dabei sollte es egal sein, wie alt ich bin, welche Hautfarbe ich habe, was meine Geschlechtsidentität ist, wo meine Eltern geboren wurden, ob meine Beine laufen können, ob ich sprechen kann. Jedes Kind hat ein verbrieftes Recht an der Gemeinschaft teilzuhaben. Daher ist Inklusion, neben dem Bildungsauftrag, eine unserer wichtigsten Aufgaben.
Wie kann ich Kinder und ihre Familien in all dieser Vielfalt gut begleiten? Ein Element habe ich schon beschrieben. Es ist die Selbstreflexion, die uns offen und wertschätzend auf Menschen schauen lässt, einen Perspektivwechsel zulässt. Das andere ist eine gute fachliche Qualifikation – Fachwerkzeug, das uns ermöglicht durch Beobachtung festzustellen, wo wir in welcher Intensität begleiten und mit welchen Methoden wir unterstützen können. Diese überprüfen wir immer wieder, passen es an und optimieren es.
Nahezu monatlich erarbeite ich mit den Kitas in Arbeitskreisen pädagogische Themen zu inklusiver Pädagogik, Zusammenarbeit mit Familien und alltagsintegrierter Sprachbildung. Es hat sich gezeigt, dass diese intensive Auseinandersetzung und Vertiefung, die ich durch regelmäßige Inhousebesuche erweitere, sehr effektiv ist.
Eine stetige Prozessbegleitung der pädagogischen Inhalte unterstützt die Weiterentwicklung und Qualität der Fachkräfte in ihrer praktischen Arbeit, macht „best practice“ sichtbar und erhöht die Zufriedenheit und Freude an der Arbeit.
Im Hinblick auf die Erweiterung der Kitateams zu multiprofessionellen Teams sehe ich die Chance mehr Vielfalt vor Ort zu er-leben und gleichzeitig die Notwendigkeit, diese Teams fachlich besonders gut zu begleiten. Denn auch hier haben wir das Thema Inklusion – diesmal nicht der Kinder, sondern der Mitarbeitenden.
Ich selbst bin als sogenanntes „Gastarbeiterkind“ bei meinen Eltern in Deutschland aufgewachsen, nachdem ich vier Jahre bei meinen Großeltern gelebt habe. So kannte ich schon mal zwei Familiensysteme, wie viele andere Freund*innen in derselben Situation.
In der Grundschule hatte ich eine großartige Klassenlehrerin. Dort habe ich mich einfach nur als Kind gefühlt. Eines unter anderen. Sie hat unsere Stärken erkannt und gefördert, aber uns nie als anders markiert. Erst als ich aufs Gymnasium kam, als eine der wenigen Ausländer*innen und Arbeiter*innenkinder wurde ich mit dem Konstrukt konfrontiert, anders zu sein. Anfangs war ich sehr irritiert und habe es nicht verstanden, warum ich manchmal anders behandelt und gesehen wurde. Ich war doch genauso ein Kind, wie die anderen. Unrecht fand ich es später, aber ich habe es angenommen und verinnerlicht. Heute bin ich erwachsen, reflektiert, Fachfrau auf dem Gebiet und dennoch erkenne ich die Spuren, die es bei mir hinterlassen hat.
Daher ist es mir seit jeher ein Anliegen, dahin zu schauen, was uns verbindet, was uns gegenseitig stark macht, was uns Freude am Leben schenkt. Ich bin als Jugoslawin geboren. Meine Familie kommt von der Küste. Im Sommer waren wir immer dort viel am Strand und ich habe viele Freundschaften mit Kindern aus allen möglichen Ecken Jugoslawiens geschlossen. So kannte ich ganz verschiedene Worte für das Handtuch: šugaman sagte man in meiner Familie, ručnik und peškir sagten andere und in Wiesbaden war es das Handtuch. Eine Sache, viele Namen. Für mich war Vielfalt schon immer real, sichtbar und normal.
In meiner Familie war es auch selbstverständlich, dass meine Mutter arbeiten gegangen ist, Geld verwaltet hat, bei allen wesentlichen Dingen mitbestimmt hat. Bei meinen deutschen Freundinnen habe ich es erlebt, dass die anderen Mütter ruhigere (als meine Mutter ;-)) hauptsächlich Hausfrauen waren.
Da meine Eltern viel gearbeitet haben, um das Geld für die Heimat aufzusparen, hatten mein Bruder und ich viele Freiheiten. Wenn meine Eltern dann mit geschlechterstereotypen Vorstellungen kamen wie, dass mein Bruder nicht den Abwasch machen muss, weil er ein Junge ist, habe ich gestreikt. Zumal mein Vater öfters im Haushalt mitgewirkt hat.
Früh habe ich erlebt, dass es verschiedene Systeme gibt, in denen man lebt, aus meiner kindlichen Sicht waren alle gleich gut. Kinder haben mit Vielfalt keine Schwierigkeiten. Wir Erwachsenen sind es. Daher ist mir die Erwachsenenbildung zu diesen Themen sehr wichtig.
Berührungsängste nehmen, Neugier wecken, Gemeinsamkeiten herausstellen, Neues zusammen entwickeln. Wir, statt ihr.
Das Gespräch wurde im Oktober 2023 geführt